Paul Kolling

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Tautoscope 2015

Ein Objekt kann kopiert werden. – Ein Ort, der Rahmen für ein geschichtliches Ereignis war, nicht. Aber was ist, wenn genau das passiert?

1918 rief Karl Liebknecht vom Balkon des Portal IV die Freie Sozialistische Räterepublik aus. Beim Abriss des Berliner Schloss wurde das Portal IV aufgrund der geschichtspolitischen Bedeutung als “wichtige Gedenkstätte der Arbeiterbewegung” in Einzelteilen abgebaut und 1963 in 200 Meter Entfernung an die Fassade des ehemaligen Staatsratsgebäudes eingebaut.

Durch den Wiederaufbau des Schlosses entsteht eine Dopplung eines historischen Ortes die theoretisch unmöglich ist. Wobei beide Portale für sich eine historische Relevanz beanspruchen. Das eine durch seine Lage, das andere durch seine Materialität.

Die Arbeit “Tautoscope” geht nicht der Frage nach, welches dieser Objekte ein Original ist und welches eine Kopie. Vielmehr geht es um eine abstrakte Annäherung an eine spannende, ungewollte städtebauliche Komposition.

Das Tautoscope ist ein einfaches Fernrohr für den Aussenbereich, allerdings morpht sich auf der Seite ein 2. Fernrohr heraus.
Es besitzt nur ein Okular allerdings 2 Linsenöffnungen, wodurch die eigentliche Funktion in Frage gestellt wird.
Es steht auf dem Vorplatz des Berliner Schloss und ist auf den Balkon des Portal IV ausgerichtet. Durch ein Betrachten von schräg unten greift es die Zuschauerposition der Menschen am 9. November 1918 auf die Karl Liebknecht zugehört haben.

Beim Durchschauen sieht sieht mensch allerdings eine Frontalansicht des Balkons, exakt symmetrisch.
Das Objekt was mensch sieht ist identisch mit dem Objekt was mensch sehen müsste, gleichzeitig kann es aufgrund des Perspektivwechsels nicht das Portal sein vor dem sich der Betrachter gerade befindet.
Dadurch wird klar, das nicht der Balkon des Berliner Schloss anvisiert wird, sondern die Fassade des Staatsratsgebäudes — einem eher unspektakulären Bau, relativ weit entfernt der im Schatten des pompösen Schlossbaus eher untergeht.